Mittwoch, 31. August 2016

Die Frage

Es ist einer dieser Tage. Laptop an Briefingstation einstecken. Bildschirm geht nicht. Toll. An ein paar Steckern rütteln. Laptop aus-ein-aus-ein-aus-einklinken... ah, jetzt gehts. Einloggen, vier Flugpläne für den Tag ausdrucken. Vier legs, 10:25h Flight Duty steht für den heutigen Tag im Planungsfenster. Na, dann wollen wir Mal. Erster Flugplan. ERROR: FLIGHT IS LOCKED. Na gut, kurzes Telefon mit Dispatch, die richten das immer schnell. Zwei Minuten später brummt der Drucker zufrieden. Mein Kapitän kommt an, stellt sich vor, kurzer Smalltalk zwischen Druckauftrag drei und vier. Scheint ein netter Typ zu sein. Ich brumme innerlich zufrieden, das macht den Tag doch angenehm. "Häsch gseh, Flieger kommt 25 Minuten zu spät aus Barcelona. Mit full house". Ohje, fängt ja gut an. Heute fliegen wir einen A321 mit 219 Plätzen. Vier weitere Male full house stehen uns bevor. Briefing mit der Kabine, nette Leute, heute zu sechst, ein neuer Flight Attendant hat Einführung, es ist sein erster Tag.

Wir treffen am Flugzeug ein. Walkaround, Flügel sind noch dran, Räder auch, keine neuen Löcher, die da nicht hingehören... alles bestens! 219 Leute raus, etwa 210 rein, Türen zu, wir melden uns "fully ready". "Roger, due to local outbound traffic congestion expect around 20 minutes delay for startup...". Klar, Zürich Flughafen zur Mittagszeit im Sommer. Yay! Aus 20 Minuten werden 22, endlich geht's los, Kapitän fliegt. Unspektakulärer Reiseflug, Wetter ist prima, super Aussicht über die Alpen. Wir melden uns bei Palma (de Mallorca). "Chello Swiss123! You are number 9 in approach, reduce to minimum clean speed and fly heading 310!" Wir drehen ein paar Kurven, langsam, langsämer... dann endlich, die Anflugfreigabe. Der Wind dreht etwa fünf Mal im Anflug, es ist 35°C, mein Kapitän muss ganz schön rudern, legt aber eine wunderschöne Landung hin. Nicht selbstverständlich in Palma, bei den Bedingungen.

210 Passagiere raus, 208 rein... doch dann kommt unsere Koordinatorin und lässt uns Wissen, man habe fälschlicherweise ein Gepäckstück eines Air-Berlin-Passagiers eingeladen, dieses müsse nun gesucht und ausgeladen werden. Na gut... zwanzig Minuten später ist es gefunden, weitere zehn Minuten vergehen bis die Fracht wieder geladen ist und wir endlich nach Zürich aufbrechen können. Ich fliege, Ereignisloser Reiseflug, ich bekomme langsam Hunger. Kabinenpersonal ist hochbeschäftigt mit dem vollen Flieger und dem Flight Attendant in Einführung. Ein paar Schöggeli müssen's richten. Anflug in Zürich, schönes Wetter, aber Rückenwind wie immer, Landung anspruchsvoll, aber passabel. Ich verabschiede die Passagiere, 208x Adieu, Danke, uf Widerluege, watch your step, good bye Sir, no sorry, no idea about your connecting gate...

Ich gehe zurück ins Cockpit, und siehe da... wir haben einen Slot! Wer hätte es gedacht, nach London Heathrow... und so laden wir weitere zwanzig Minuten Verspätung auf. 189 Passagiere rein, Türen zu, Triebwerkstart, taxi zur Piste 28... *BING* - kleines technisches Problem, schnell gelöst, Line up and wait, Takeoff, Gear up. Erste Gewitter über Paris, Kurve links, Kurve rechts. "Swiss987 reduce Mach .74, delay in Heathrow". Okay, also im Schneckentempo weiter... London hello! "Hello, proceed to BIG (biggin hill) and hold, delay is around 15 Minutes." Okay...
acht Rechtskurven später dürfen wir BIG auf heading 265 verlassen (wie immer). Rechts, reduce speed 180kts, contact heathrow director, links, intercept ILS runway 27R, alles klar. Ich fliege an, dicht hinter dem Vordermann, eng gestaffelt, das haben die drauf, die Londoner. "
Swiss987 cleared to land 27R, the wind 210/15kts gusting 20". Klar, wie könnte es anders sein, Seitenwind. Irgendwo zwischen 200 und 50 Fuss fliege ich durch den Windschatten des Hangars von British Airways, werde ordentlich durchgeschüttelt und versuche mit aller Konzentration, einen vernünftigen Vektor Richtung Touchdown-Zone zu halten. 50-40-30-20-10-römms, oops, das war schon mal sanfter, spoilers, reverse green, deceleration. Und sofort ab der Piste, der nächste will schon landen. Und setzt auch nicht sanfter auf. Hehe.
"Swiss987 your gate is still occupied, we'll find you a new one". Ok. Fünf Minuten später ist ein neuer Standplatz gefunden, aber kein Personal da. Wir warten, Kapitän beruhigt Passagiere per Ansage.

Rückflug nach Zürich, im Londoner Abflug ewig auf 6000 Fuss, Anflug in Zürich im Schneckentempo, Landung auf Piste 28. Ich bin müde. Gegessen habe ich, bis auf ein kleines Sandwich auch nicht viel, Kabinenbesatzung war am Anschlag. What a day, meint mein Kapitän, der bis zum Schluss ruhig und geduldig geblieben ist. Gelacht haben wir trotz allem viel. Verspätung am Schluss: 1h, 36min, 12:01h flight duty.

Erschöpft steige ich ins Auto. Es ist nun gegen 23:00. Hunger treibt mich zur nächstbesten Tankstelle, ich schnappe mir eine Tiefkühlpizza und stelle mich - immer noch in der leicht verschwitzten Uniform - in die Schlange. Als ich an der Kasse stehe, sind gut fünf Leute hinter mir. Der deutschstämmige Türke (würde ich schätzen) an der Kasse meint zu mir "Ist dann sieben Fufzisch". Ich strecke ihm einen Zehner hin, er zählt gemütlich das Wechselgeld, doch bevor er es mir gibt meint er "Ey, isch hab Mal ne Frage für disch..."

Oh bitte nein, tu es nicht...

"Wie isn das mit den Stewardessen?! Wird da immer so viel gevögelt wie bei kätsch mii if you kän??"

"Das, mein lieber, ist Berufsgeheimnis..." sage ich, nehme mein Wechselgeld und gehe zwischen grinsenden Wartenden zur Tür. Wenn der wüsste, wie so ein Tag aussieht...

Kommentare:

  1. Tolle Geschichte! Schön mal wieder Interessantes aus der Welt der Aviatik zu höhren. Even if it is a "normal" day :-).

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  2. Super interessant und lustig geschrieben, vielen Dank!

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    1. Gerne doch, ist ja ewig her seit ich geschrieben hab :)

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  3. Super wieder was von dir zu hören! Sehr interessanter Bericht :)

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  4. Vielen Dank für deinen Bericht! Freue mich jedes Mal wieder, weiter so und weiterhin viel Spaß am Fliegen! :)

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